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//Spaß mit der Kalaschnikow Rainer Meyer alias Don Alphonso im Gespräch mit Doreen Müller
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„Die Fähigkeit der Blogs, diese kleinen Räume zu besetzen, ist die eigentliche Waffe. Sie können so spezifisch sein, dass da kein Journalist mehr mithalten kann.“

Rainer Meyer

Rainer Meyer alias Don Alphonso über den Untergang des Journalismus, Moos auf den Medienfelsen und das Mündungsfeuer der Blogs

Guten Tag, Herr Meyer oder Don Alphonso? Mit welchem der beiden Herren habe ich heute die Ehre, mit dem Journalisten der New Economy oder dem Blogger in Zeiten der Depression?

Rainer Meyer: Mit Rainer Meyer, Don Alphonso wäre anders, viel knalliger.

Sie sagen, Bloggen bedeute, etwas über die eigene Person zu lernen. Seit zwei Jahren betreiben Sie Ihr Blog Rebellen ohne Markt. Was haben Sie in dieser Zeit über sich selbst gelernt?

Als vor einem Jahr die Userzahlen bei Rebellen ohne Markt nach oben geschossen sind, bin ich als Journalist in eine Existenzkrise geraten. Für mich bedeutete Bloggen nur, irgendwelchen Schmarrn zu schreiben. Was ich blogge, widerspricht allen journalistischen Kriterien, es ist introvertiert, extrem in der Formulierung, subjektiv, die Erfindung eines Charakters, den es real nicht gibt, einfach völlig antijournalistisch. Und auch in der Wortwahl so, dass man es in den etablierten Medien nicht schreiben könnte. Ich habe mich gefragt, warum hier das funktioniert, was sonst in meinem normalen journalistischen Schreiben nicht funktioniert.

War es die Lust auf die Freiheit von redaktionellen Vorgaben, durch die Sie zum Blogger wurden?

Ich habe angefangen zu bloggen, als es noch www.dotcomtod.de gab. Dotcomtod war ein Gemeinschaftsblog, es befasste sich zu Zeiten der New Economy mit dem Untergang der Internetfirmen. Ich wollte damit mein kleines privates Nebenprojekt haben.

Macht die Blogosphäre Mut, vom Schreiben zu leben? Bekommt der Journalismus ernst zu nehmende Konkurrenz?

Nein, ich glaube, Journalismus, so wie er jetzt ist, wird einfach untergehen. Er ist ein Geschäft, das mit Qualität und Texten nichts mehr zu tun hat. Journalismus ist im innersten Kern eine Art, Wirtschaft zu betreiben. Es gibt einen Markt, der bedient werden muss und der bedient wird, aber ausgesprochen mies. So, dass die Journalisten nicht mehr raus gehen, keine Pressekonferenzen mehr besuchen und sich stattdessen PR-Mitteilungen vorlegen lassen. Der normale klassische Journalist sitzt auf seinen fünf Buchstaben im Büro und bekommt die Welt draußen nicht mehr mit. Das ist der Trend und wird den Journalismus mittelfristig umbringen. Die jungen Leute haben sich verabschiedet von den Zeitungen, vom Journalismus.

Dann wäre die Zeitung der Zukunft vielleicht eine Online-Zeitung, deren einzelne Teile von verschiedenen Blog-Gemeinschaften geliefert werden?

Ich glaube nicht, dass das die Zukunft ist. Es gibt heutzutage keinen technischen Grund mehr, der jemanden zwingt, eine komplette Zeitung zu kaufen, in der dann ein Sportteil drin ist, der ihn gar nicht interessiert. Denkbar ist, den Leuten wirklich ressortweise die Informationen zuzuliefern, hochspezialisiert, sehr gut und fundiert. Den Rest könnte man als eine Art Grundversorgung anbieten, für die man dann zusätzlich bezahlen muss, wenn man sie außerdem haben will. Für die einzelnen Sparten, also die Kultur beispielsweise, könnte man mit Anreißern werben. Man darf den Leuten jedenfalls keinen Eimer voller Informationen vorsetzen, die sie jetzt bitte schön schlucken sollen. Ich glaube, man muss den Menschen jeden Tag mit einer Kleinigkeit, mit etwas Gutem füttern, dann kommt er wieder.

Sie bezeichnen Blogs auch als eine Waffe, als Kalaschnikow für den Partisanenkrieg gegen Medienkonzerne, billig, robust, überall einsetzbar, mit hoher Feuerrate. Wie ist das zu verstehen?

Man stelle sich einen Medienkonzern vor wie einen Felsen, fest gefügt. Auf der Oberfläche kleine Zwischenräume, die gerade so groß sind, dass ein kleines Blog hineinpasst und sich festsetzt. Ähnlich einer Moosschicht, die immer weiter wächst und zunehmend besser darauf lebt. Und am Ende sieht man nur noch das Moos und vom Felsen nur noch sehr wenig. Die Fähigkeit der Blogs, diese kleinen Räume zu besetzen, ist die eigentliche Waffe. Sie können so spezifisch sein, dass da kein Journalist mehr mithalten kann.

Aber wo ist da die Kalaschnikow?

Ich kann ein Thema fahren, so lange ich Lust habe. Ich habe keinen Aktualitätszwang, ich kann machen, was ich will, und die Leser gehen mit und sind das Pulver, das die Kugel in das Ziel treibt.

Was ist das Ziel?

Zum Beispiel die Medien, denen ich Leser und Zuschauer ausspanne.

Wo genau sehen Sie den Spielraum der Blogs?

Auf der einen Seite sehe ich Medien wie RTL II, die Unterhaltung pur sind, und auf der anderen Seite das wirklich Schwere. Dazwischen liegt ein Bereich, in dem sehr viele Leute sind, die nicht die Informationen von RTL II wollen, nicht das Gebrüll einer Talkshow. Aber auch nicht diese gravitätische Erhabenheit klassischer Medien. In diesen Bereich, denke ich, passt der Parallelraum der Blogs ganz gut hinein. Man kann mitdiskutieren, jeder weiß, wer die Person ist, die schreibt, und was sie erzählt – natürlich extrem subjektiv. Man bekommt dessen Lebensumfeld mit und sieht, in welchem Bereich diese Meinung, diese Haltung warum entstanden ist. Es leitet sich logisch daraus ab. Man bekommt nicht etwas vorgeklatscht, von dem man annimmt, es sei objektiv, sondern man bemerkt die Subjektivität in der Subjektivität. Aus dieser Subjektivität wird kein Hehl gemacht, sie wird erklärt. Man bekommt nicht einfach einen undurchsichtigen Block vorgesetzt, sondern ein Gedankenmodell, in das man hineinschauen kann. Deshalb lese ich auch Blogs von Leuten, die ich nicht mag, weil ich sehe, wie die ticken. Die Basis jeder Information ist doch auch der Mensch. Darauf zurückzugehen, kann doch nicht falsch sein.

Aber nimmt diese Fokussierung der Personen, anstelle der Sachverhalte, nicht inzwischen ein viel zu großes Ausmaß an?

Wir stehen doch einer Generation gegenüber, bei der das völlig normal sein wird, und vielleicht auch auf eine noch viel extremere Art als nur durch Blogs. Wenn ich in Berlin in einem Internetcafé sitze, da sehe ich, dass da schon eine ganz andere Revolution stattfindet. Dagegen ist Bloggen gar nichts – Horden von Mädchen schauen sich Horden von Jungs an und diskutieren mit denen, übertragen durch eine Webcam. Da passiert Kommunikation als Kollektiverlebnis.

Hat uns das Internet endgültig im Griff?

Fürchte ich. Ich möchte allerdings nicht in diesem permanenten Zustand der Vernetzung leben. Ich schalte gern den Computer aus und mache dann was anderes. Aber es kommt eine Jugend auf uns zu, die ganz anders mit persönlichen Daten und Internet umgehen wird, als wir das tun. Sehr viel offener – bis hin zur absoluten Gedankenlosigkeit. Wir erleben die völlige Zersplitterung des Marktes in lauter Mikromedien. Es gibt keinen Massenmarkt mehr.

Hat sich der Markt nicht in Wirklichkeit nur um ein Mikromedium erweitert, während ansonsten alles beim Alten bleibt? Bloggen wäre dann so eine Art CB-Funk der neueren Zeit.

Ich würde nie sagen, dass es CB-Funk ist.

Warum nicht?

Es ist eine ganz eigene Welt.

Das war CB-Funk auch, für Außenstehende war es auch nicht so einfach hineinzukommen.

Das kann man so nicht sagen: Die Leser kommen ja nicht, weil sie verlinkt werden. Sie suchen sich die Anknüpfungspunkte selbst. Ein großer Teil meiner Leser findet über Google zu mir und liest sich fest. Das, was in meinem Blog steht, hat mit Journalismus nichts zu tun, es gibt keine Parallele, aber es funktioniert. Fragen Sie mich nicht, warum. So genau mag ich mir darüber auch keine Gedanken machen, weil es tatsächlich dazu führen kann, dass die klassische Medienaufbereitung, wie sie bisher war, irgendwann nicht mehr funktionieren könnte.

Dann sehen Sie in den Blogs eine existentielle Gefahr für den Journalismus?

Das Gefährliche sind nicht die Blogs, sondern das Leserverhalten. Es ist eine Black-Box, vor der momentan jeder steht. Manchmal mache ich mein Blog morgens auf und sehe, es sind 150 Leute da und warten auf die nächste Geschichte. Huuu. Und das Komische ist, dass ich dieses Gefühl nie habe, wenn ich für eine Zeitung schreibe. Zu wissen, dass in diesem Moment 150 Leute irgendwo am Rechner warten und sagen: „Schreib, schreib Du Sau!“. Man merkt jetzt richtig, die wollen Futter. Sie sitzen da und schauen Dich an. Es ist ein ganz unmittelbares und spannendes Erleben. So kann ich auch verstehen, dass es für manche zur Sucht wird. Die Zahlen sprechen für die Blogger, wobei viele Blogger gar nicht wissen, was sie tun. Für sie ist Bloggen einfach nur Spaß, dabei graben sie am Lebensnerv der etablierten Medien.

Wenn Blogs kein Journalismus sind, was sind sie dann in Ihren Augen?

Ein publizistischer Parallelraum, der von außen ähnlich aussieht wie Journalismus, aber etwas völlig anderes ist. Wenn ich journalistisch schreibe, dann schreibe ich nach gewissen Regeln für ein Ideal, das ich im Kopf habe. Wenn ich blogge, schreibe ich ganz anders, dann brauche ich einen Anlass, ich muss etwas erleben und es ist ganz egal, was ich erlebe. Irgendetwas, und dann schreibe ich. Es wird meist bissig, selten nett, und dabei wird immer etwas über die Stränge geschlagen, und die Leute lesen es und mögen es und kommen jeden Tag wieder.

Ihr Blog Rebellen ohne Markt war die Vorarbeit für ein gleichnamiges Buch, das noch in seiner Entstehungsphase ist. Worum wird es darin gehen?

Es ist blogartig und versucht zu erklären, wie sich die Jugend seit 1987 verändert hat. Die ganze lange Geschichte seit der New Economy bis heute. Von der ersten Tempo über die New Economy bis hinab zu den heutigen Depressionen.

Was sollten die Leser zum Thema Bloggen unbedingt mitnehmen?

Es gibt drei Worte, die man dazu wissen muss: Spaß, Spaß, Spaß.



Rainer Meyer, Jahrgang 1967, ist Autor und Journalist. Als Don Alphonso schrieb er für das Blog Dotcomtod und wurde damit bekannter als ihm lieb war. In seinem aktuellen Buch Blogs werden 15 Blogs vorgestellt. Jeder kann sich danach ein Bild davon machen, was Blogs sind und was sie können.



Das Gespräch führte Doreen Müller, 31. Sie studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft sowie Psychologie und Soziologie. Nach dem Interview mit Rainer Meyer müsste sie Angst vor der Zukunft haben, doch „die Hoffnung stirbt zuletzt“.