Norbert Bolz
Hans-Jürgen Bucher
Gundolf S. Freyermuth
Peter Glaser
Thomas Leif
Marcel Machill
Rudolf Maresch
Klaus Meier
Rainer Meyer
Erik Möller
Mathias Müller v. Blumencron
Christoph Neuberger
Goedart Palm
Peter Praschl
Florian Rötzer
Michael Schetsche
Christoph Schultheis
Siegfried Weischenberg
Peter Wippermann



EDITORIAL    INTERVIEWS    GLOSSAR    IMPRESSUM   

//Der Nutzer als Flugobjekt Rudolf Maresch im Gespräch mit Jan Dreyling-Eschweiler
PDF-Version herunterladen





„Wir, die Menschen, sind Landbewohner, die sich als Abenteurer und Wagemutige in das unsichere und unbekannte Datenmeer begeben.“

Rudolf Maresch

Rudolf Maresch über die Besiedlung des Datenmeeres, die chinesische Monroe-Doktrin und die Maschen der Netz-Metaphern

Herr Maresch, auf Ihrer Homepage steht ein Adorno-Zitat: „Sich nicht von der Macht der Anderen und auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen.“ Ist das für Sie so etwas wie ein Denkzettel, den man sich immer vor Augen halten muss, wenn man sich ins Internet begibt?

Dieser Spruch ist in den letzten Jahren zu einer Art Lebensweisheit für mich geworden. Ich stellte fest, dass man im jugendlichen Alter als politischer Romantiker von verschiedenen Theoriesträngen fasziniert wurde. Wenn man sich aber näher auf Struktur und Architektur einer Theorie einlässt, bemerkt man mit der Zeit, dass diese verschiedenen Theorien doch sehr begrenzt sind und sich sogar gegenseitig durchkreuzen. Außerdem sind Theorien auch immer von Moden, vom Zeitgeist, aber auch, wie Michel Foucault sagt, von Macht geprägt. Davon sollte man sich nicht zu schnell verführen lassen. Diese Art von Skepsis ist mir inzwischen eigentlich sehr genehm.

Wie kann für Sie angesichts dieser Skepsis Information aus dem Internet dann überhaupt glaubwürdig erscheinen?

Auf der einen Seite informiere ich mich bei ganz bestimmten Quellen. Dazu gehören die Internetauftritte der „großen“ Zeitungen F.A.Z., SZ, Frankfurter Rundschau und anderer, aber auch Texte und Schriften von Leuten, die mich intellektuell anregen, die auch mal etwas Überraschendes gegen den Mainstream oder abseits moralischer Korrektheiten probieren und riskieren und so meinen Geschmack ansprechen. Andererseits gibt es daneben diesen riesigen Bestand an ungesicherten Daten, bei dem die Glaubwürdigkeit mehr oder weniger auf tönernen Füßen steht.

Wie geht man mit diesen Daten um?

Man braucht Erfahrung beim Umgang mit der Informationsbeschaffung. Natürlich kann man manchmal beobachten, dass Schüler oder Studenten sich zu sehr auf das Suchergebnis von Google verlassen. Und wenn der Erfahrungsschatz noch nicht vorhanden ist, kann es auch passieren, dass bestimmte Inhalte falsch interpretiert werden. In dieser Hinsicht bedarf es eben einer gewissen Medienkompetenz, und es sind Erzieher und Pädagogen gefordert, diese zu vermitteln.

Fehlt der jetzigen Jugend diese Medienkompetenz?

Das war bei uns früher auch nicht anders. Auch wir mussten erst mühsam lernen, mit einem Meer an Daten umzugehen, wobei für uns der Zugang und die Möglichkeiten natürlich noch beschränkter als heutzutage waren. Wenn man zum Beispiel in der gymnasialen Zeit Goethe behandelte, hat man auch auf Interpretationsheftchen zurückgegriffen und Äußerungen in gewisser Weise sakrosankt übernommen. Erst später an der Universität merkt man, dass überall bestimmte Theorien, Ressourcen und Machtpositionen dahinter stehen. Dann relativiert sich das, was man liest, deutet oder sich anzueignen versucht. Letztendlich hat sich beim Thema Glaubwürdigkeit durch das Netz nicht viel verändert.

Auf Ihrer Homepage findet man all Ihre Texte, aber auch Kritiken über Sie. Wollen Sie damit Ihre eigene Glaubwürdigkeit stärken?

Ich will mit meiner Homepage eigentlich ganz wenig. Ich verstehe sie vielmehr als eine Art Speicher von Texten, den ich öffentlich zugänglich mache. Wer Lust hat, sich zu bedienen, der kann sich bedienen. Das ist viel besser, als dass die Texte in irgendeiner Bibliothek verstauben.

Also ganz im Sinne der ursprünglichen Internetansätze, die freie Informationen für alle forderten …

Ja, natürlich. Das ist doch das Tolle am Internet. Wenn ich jetzt beispielsweise den neuesten Kommentar von Robert Kagan in der Washington Post oder die neueste Ausgabe der Foreign Affairs lesen will, muss ich nicht mehr in die Bibliothek oder an den Kiosk im Bahnhof rennen, sondern ich kann mir über das Netz alles hier nach Hause holen. Wenn ich das Internet als Informationsmedium nutze, dann ist das für mich vollkommen ausreichend. In dieser Hinsicht muss ich ehrlich sagen: Das Netz ist eine der fantastischsten Erfindungen, die die Menschheit gemacht hat. Es ist natürlich sehr schade, dass sich allmählich ganz bestimmte Strukturen im Netz abbilden.

Welche Strukturen meinen Sie?

Zum einen werden gewisse Wirtschaftsstrukturen übernommen. Man kann im Internet natürlich nicht nur Selbstausbeutung betreiben, denn die Leute müssen auch irgendwie ihre Firma über Wasser halten und Geld verdienen. Zum anderen ist es sehr interessant zu beobachten, dass sich allmählich auch Machtstrukturen, ja sogar geopolitische Strukturen in das Netz einschreiben. Das erkennt man beispielsweise an der aktuellen Politik Chinas: China versucht, eine Art „Monroe-Doktrin“ in Form von Firewalls aufzubauen, um damit zu kontrollieren, welche Daten und Informationen an den Bürger gelangen und welche nicht.

Wird also das einst freie Netz immer mehr zu einer Kopie bestehender Verhältnisse?

Ja, aber zugleich bewirkt ein neues Medium auch gewisse Rückstrahl- und Rückstoßbewegungen, sodass sich alte Strukturen auch umformen können. Es kommt vielmehr zu einer Hin- und Herbewegung zwischen alten und neuen Strukturen. Deswegen ist der „Fall China“ auch so interessant.

Wo kann man angesichts dieser Dynamik überhaupt ansetzen, um das Phänomen „digitales Netzwerk“ zu verstehen?

Ich würde den Weg der Beschreibung über verschiedene Metaphern wählen. Eine der ersten Bezeichnungen für das Internet war die „Datenautobahn“, an die man angeschlossen ist. Auf der Autobahn gibt es einerseits Personen, die auf der Überholspur sind, und andererseits diejenigen, die langsamer vorankommen. Auch Metaphern wie „global village“, „digitale Stadt“ oder auch der Begriff der „Telepolis“ können dieses Netzwerk beschreiben. Dort gibt es viele lebendige Marktplätze, Häuserschluchten, in denen man sich leicht verlaufen kann, und auch Ecken, die durchaus gefährlich sein können. Ein weiterer Versuch, das Netz zu beschreiben, kann mit Hilfe des „global brain“, des „Superhirns“ oder der „großen Bibliothek“ geschehen – das Internet als ein riesiger Speicher, in dem nichts verschwindet, oder wenn etwas verschwindet, so hatte es keinen Wert, dies aufzuheben. Oder man nehme den Begriff des „Cyberspace“ – das Internet als kybernetischer Raum, den man besiedelt und damit den öden Planeten verlässt. Da kommt ein gewisser extraterrestrischer Aspekt zum Tragen.

Auf welche Gefahren kann man denn stoßen, wenn man – um in Ihrer Metapher zu bleiben – sich in einer Häuserschlucht verirrt?

Man sollte stets bedenken, dass das Internet nicht gegründet worden ist, weil sich findige Leute zusammengesetzt haben und wollten, dass Herr Maresch die Foreign Affairs sofort auf seinem Schreibtisch hat. Sondern es ist vom US-Militär „freigelassen“, also „demokratisiert“ worden, um „die Welt zu erobern“, das heißt, andere Kulturen und Nationen mit den eigenen Produkten, Normen und Marken zu infizieren. Wenn es um Kommunikation geht, darf man den altmarxistischen Begriff der Interessen nicht ganz vergessen. Ein Medium ist immer auch „Instrument und Waffe“. Im Netz wird zwar permanent versucht, den User als Flugobjekt einzufangen und zu treffen. Es bleibt aber immer eine Ungewissheit, ob oder wie er getroffen wird. Dies wird mit der Formulierung „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“ von Niklas Luhmann sehr gut deutlich: Sie machen ein Sprechangebot und wollen damit gleichzeitig in gewisser Weise Ihr Gegenüber beeinflussen und manipulieren. Ob dies aber gelingt, darüber haben Sie als Sender einer Botschaft keine Macht oder Kontrolle. Der Nutzer am anderen Ende kann letztendlich immer noch entscheiden, die Information einfach in den Papierkorb zu werfen.

Muss man sozusagen ein multidisziplinärer Typus sein und sich verschiedener Gebiete wie der Politik, der Wirtschaft, der Soziologie, der Technologie und der Psychologie bedienen, um das Internet richtig zu beschreiben? Muss man von allem ein bisschen wissen, aber dafür nichts richtig?

Dass es jemanden gibt, der das Internet in einem umfassenden Sinne richtig beschreiben kann, glaube ich nicht. Aber man kann bestimmte Aspekte metaphorisch genauer fassen: Der Gegensatz zwischen „Land und Meer“, den Carl Schmitt beschreibt, spiegelt in besondere Weise eine solche Eigenschaft des Internets wider. Wir, die Menschen, sind Landbewohner, die sich als Abenteurer und Wagemutige in das unsichere und unbekannte Datenmeer begeben. Wobei ich die Metapher des Meeres nicht überstrapazieren möchte, da der Cyberspace natürlich wegen digitaler Codes und Programme ein qualitativ ganz anderer Raum ist. Trotzdem wird mit der Zeit dieses Meer besiedelt und aus dem reinen Meer wird ein Meer, welches vermessen und „gekerbt“ wird, und dem Verkehrslinien, Knoten und Stützpunkte in Form von Adressen, Daten und Befehlen verpasst werden. Es bilden sich also wieder die alten Strukturen ab.

Und welche Metapher ist nun die beste?

Das kann keiner entscheiden, da jede Beschreibung ein Teilrecht hat und gewisse Aspekte mehr oder weniger gut mit einschließt. Aber dass es die eine Generalmetapher gibt, die das Internet vollständig darstellen und beschreiben kann, glaube ich nicht. Es gibt also vielmehr diese ganz unterschiedlichen Metaphern, um sich dem Netz von verschiedenen Blickwinkeln aus anzunähern. Der Weg über die Metaphern ist für mich ein guter, ohne jedoch zu behaupten, dies wäre die einzige Herangehensweise. Das ist genauso wie mit den Wissenschaften. Ich muss mich nicht unbedingt wie Goethes Faust durch alle Wissensgebiete durcharbeiten, sondern ich kann mich durchaus überall ein bisschen bedienen. Derzeit bietet für mich Carl Schmitt den interessantesten Zugang, sich den Cyberspace als neue „Raumrevolution“ zu denken, wobei Raumnahme immer auch die Dimension der Zeit mit einschließt. Ich kann mich aber auch mit Luhmann hineinbegeben, mit Friedrich Kittler, mit Michel Foucault oder mit einem anderen Theoretiker. Danach muss man eben bewerten, wie gut dieser Weg die Realität des Netzes trifft – wobei Realität natürlich ein schwieriger und problematischer Begriff ist.

Dann ist es also sehr wichtig, dass man offen ist, um nicht nur in eine Richtung zu driften …

… und um auf Adorno zurückzukommen: „Sich nicht von der Macht der Anderen, aber auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen.“ Zusätzlich gibt es für mich ein kleines Motto: Sich überraschen lassen! Aber nicht diese euphorische, optimistische Erwartungshaltung einnehmen, sonst wird man ständig enttäuscht. Sondern eigentlich eher den umgekehrten Weg einschlagen und immer mit der Enttäuschung rechnen. Umso freudiger wird es, wenn es doch gelingt. Dann hat man mehr davon.



Rudolf Maresch, Jahrgang 1954, lebt als freier Autor, Kritiker und Publizist in Lappersdorf bei Regensburg. Er ist seit gut zehn Jahren teilnehmender Beobachter des Internets. Renaissance der Utopie ist der Titel seiner jüngsten Buchveröffentlichung zusammen mit Florian Rötzer.



Jan Dreyling-Eschweiler, 22, studiert Physik sowie Journalistik. Durch Rudolf Maresch hat er erfahren, wie die Magnetfelder der Metaphern den Kompass der Erkenntnis beeinflussen.