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//Im Herzen des Krieges Hans-Jürgen Bucher im Gespräch mit Hanne Detel
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„Den Ruf nach Steuerungsinstanzen, die uns helfen sollen, uns in diesem unglaublichen Dschungel von Information zurechtzufinden, halte ich für extrem naiv.“

Hans-Jürgen Bucher

Hans-Jürgen Bucher über Warblogs, Reisen durch die Unübersichtlichkeit und die Relativierung des Journalismus-Begriffs

Herr Bucher, „Ist Salam Pax real?” Das wurde ein junger Warblogger aus Bagdad immer wieder gefragt, der unter diesem Pseudonym in einem Internet-Tagebuch beschrieb, wie er den Krieg erlebte. Woher kann der Leser wissen, ob der Autor eines Weblogs wirklich so existiert, wie er sich darstellt?

Hans-Jürgen Bucher: Das Problem des Vertrauens in der Online-Kommunikation hat sich gegenüber anderen Kommunikationswegen extrem zugespitzt. Grund dafür ist der fehlende Face-to-Face-Kontakt. Es geht so weit, dass man nicht einmal mehr wissen kann, von welchem geographischen Ort aus etwas verbreitet wird. Das Internet hat jedoch eigene Mechanismen der Vertrauenssicherung entwickelt. Wir haben dort gewissermaßen die Situation einer virtuellen Redaktionskonferenz, die darin besteht, dass bestimmte Dinge vom gesamten Netzwerk gleichzeitig gesehen werden. Es findet also eine kollektive Kontrolle statt. Ganz nach dem Prinzip „Tausend Augen sehen mehr als zwei“. Im Falle des Salam Pax wurde versucht, über die IP-Adresse herauszufinden, von wo aus gepostet wird. Er hat sich als so vertrauenswürdig erwiesen, dass sein Blog heute sogar im Guardian zu lesen ist.

Es gibt aber auch Weblogs, bei denen die Mechanismen der Vertrauenssicherung nicht funktioniert haben: Über ein Jahr lang „existierte“ im Internet eine Kaycee Nicole, die nur vorgab, an Leukämie erkrankt zu sein.

Solche Fälle sind natürlich problematisch. Jedoch kann Betrug im klassischen Journalismus genauso auftreten. Denken Sie an Tom Kummer, der über Jahre hinweg der Süddeutschen gefakte Starinterviews untergejubelt hat. Oder an die über 70 Betrugsfälle durch Jayson Blair in der New York Times, die als eine der weltweit besten Zeitungen gilt. Betrug und Fake insgesamt sind für den Journalismus ein Berufsrisiko.

Auch Propaganda kann zum Problem werden: US-Soldaten berichten in Warblogs von ihren „Abenteuern“ im Irak oder Afghanistan. Damit wird die Gutgläubigkeit der Leser zu Propagandazwecken missbraucht. Warum beugt dem niemand vor?

Muss man da vorbeugen? Natürlich wird ein Soldat an der Front kein pazifistisches Pamphlet verfassen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass er seinen Alltag so darstellt, dass seine Tätigkeiten in irgendeiner Weise Sinn machen. Generell ist die Frage, ob wir jede Form der Kommunikationserweiterung steuern sollen. Oder begreifen wir sie als Chance und Perspektivenerweiterung dessen, was wir über die Welt erfahren können? Natürlich könnte man sagen, mit dem Journalismus habe sich eine Art professionelles Subsystem etabliert, das dafür sorgt, dass nur qualitativ hochwertige Informationen in Umlauf gebracht werden. Aber daraus ein Monopol des Journalismus auf Information abzuleiten, wäre falsch. Ich denke, dass wir eine derart vielfältige und komplexe Welt haben, dass es mir lieber ist, ich habe neben dem klassischen Standardjournalismus auch noch andere Möglichkeiten des Abgleichs. Auf diese Art von Parallelangeboten möchte ich nicht mehr verzichten.

Inwiefern hat sich die Perspektive in Kriegssituationen durch diese Parallelangebote erweitert?

Das Internet ist das Medium, das mit sehr kleinem technischen Aufwand von jenen, die einen Zugang dazu haben, genutzt werden kann – nicht nur rezeptiv, sondern auch produktiv. Bislang war Kriegsberichterstattung immer Angelegenheit der Zeitungen, der Fernseh- und Hörfunkstationen. Infolgedessen kam nur die professionelle Perspektive der Journalisten oder die Sicht des Militärs und der entsprechenden politischen Akteure zum Tragen. Mit dem Internet ist zum ersten Mal die Möglichkeit entstanden, dass diejenigen, die im Normalfall nur Opfer oder passive Zuschauer der kriegerischen Auseinandersetzungen sind, sich selbst in die Berichterstattung einmischen können.

Mir leuchtet ein: Warblogs können wichtig sein, selbst wenn natürlich immer ihr Missbrauch durch Betrug droht. Aber die sonstigen Weblogs erscheinen mir meistens als Spielerei, als Informationsmüll, schlicht irrelevant.

Relevanz ist immer eine Frage der Maßstäbe. Derjenige, der sich in einer Community von 14-jährigen Mädchen bewegt, die ihre pubertären Erfahrungen austauschen, hat natürlich ganz andere Kriterien der Relevanz, als wenn ich mir beispielsweise solch ein Blog angucke. Für mich wäre es vielleicht nur unter pädagogischen Gesichtspunkten interessant. Es ist eine sehr schwierige Frage, was für wen relevant ist. Das ist sicher nicht normativ entscheidbar.

Was haben wir aber von den tagebuchähnlichen Weblogs, in denen subjektive Darstellungen dominieren? Was tragen die noch zu unserem Weltwissen bei?

Da sind natürlich schnell Grenzen erreicht. Das Blog von Salam Pax ist jedoch ein gutes Gegenbeispiel: Im Grunde genommen handelt es sich dabei auch um ein Tagebuch. Das Spezifische daran ist allerdings, dass wir seine Einträge in einem für die damalige Zeit relevanten Zusammenhang sehen können. Durch den Kontext des Irak-Krieges und die entsprechenden Bekanntmachungen in den klassischen Medien schafft es das Blog recht schnell, viele Menschen zu erreichen – ein qualitativer Sprung vom Tagebuch zum Korrespondentenbericht.

Beschränkt sich dieser qualitative Sprung auf Warblogs?

Nein, diesen Sprung in die öffentliche Kommunikation kann unter bestimmten Bedingungen jedes Blog schaffen. Warblogs sind nur ein Anwendungsfall, in dem alternative Öffentlichkeiten relativ schnell ernst genommen werden. Schon während des zweiten Golfkriegs 1991 war es den Menschen klar, dass das Militär versucht, die Berichterstattung manipulativ zu beeinflussen. Im Falle der Kriegskommunikation gibt es also bereits eine kritische Öffentlichkeit, die für alternative Formen der Information offen ist. Je kritischer ein Thema und je höher die Skepsis gegenüber den traditionellen Darstellungen, desto schneller wird es den alternativen Kommunikationsformen gelingen, ernst genommen zu werden.

Einige Medien scheinen vor der Konkurrenz dieser alternativen Kommunikationsformen Angst zu haben: Der ehemalige CNN-Reporter Kevin Sites berichtete in seinem Warblog über den Irak-Krieg, bis CNN dessen persönliche Berichterstattung unterband.

Das war ungeschickt von CNN und ist ja auch im Nachhinein korrigiert worden. Inzwischen gibt es kaum noch ein Online-Angebot eines Traditionsmediums, das nicht Blogs verwendet. Sogar Regionalzeitungen haben inzwischen Blogs für ihre Redakteure und Leser eingerichtet. Sie sehen sehr wohl, dass dabei eine andere Sicht der Welt zum Tragen kommt als im Standardjournalismus.

Welche Vorteile bringt es den traditionellen Medien, kostenlos Webspace für Weblogs zur Verfügung zu stellen?

Journalisten reden immer davon, dass sie keine Rückmeldung auf ihre Beiträge bekommen. Durch Blogs ist ein Rückkanal da, der einem ein Feedback gibt auf das, was man geschrieben oder gesendet hat. Ein zweiter Vorteil besteht darin, dass Journalisten in Blogs oder Foren viel leichter erfahren, welche Themen aus der Perspektive der Leser, Zuhörer oder Zuschauer relevant sind. Es entstehen also für Journalisten Möglichkeiten, anders an Themen heranzukommen, als es in der klassischen, selbstreferentiellen Art des Journalismus der Fall ist. Vor allem die Regionalzeitungen könnten Blogs als hervorragendes Mittel der Leser-Blatt-Bindung einsetzten. Journalisten sollten die sich etablierende Kommunikationsinfrastruktur nicht als Gegnerschaft, sondern als Ergänzung begreifen.

Sie selbst betrachten Weblogs ja als Journalismus – genauer gesagt als Open-Source-Journalismus, also als einen Journalismus, bei dem alle mitmachen können.

Mein Argument ist, dass Blogs ebenso zur Öffentlichkeitsbildung beitragen wie die klassischen Medien. Sie stellen Themen für die öffentliche Kommunikation bereit und tun das in einem stabilen, sozialen Netzwerk, der sogenannten Blogosphäre. Der Zusammenhalt dieses Netzwerks wird gesichert durch die hochgradige Verlinkung zwischen den Blogs, aber auch durch die für Blogs erfundenen RSS-Feeds. Das ist eine Art digitaler Abo-Dienst, der automatisch dafür sorgt, dass neue Weblog-Inhalte an alle Abonnenten gemeldet werden. Die Themenverbreitung wird dadurch erheblich beschleunigt – auch über die Blogosphäre hinaus. Trotzdem wäre es natürlich unangemessen, daraus den Schluss zu ziehen, jedes Teenie-Blog sei automatisch Journalismus.

Die Journalisten von N-tv haben dazu eine etwas radikalere Meinung: „Wer chatten will und Skurriles sucht, der wird in Weblogs fündig. Aber eine Alternative zu einem journalistischen Qualitätsprodukt, so viel steht fest, kann ein Weblog nicht sein.“ Als Grund wird die fehlende Trennung von Nachricht und Meinung genannt.

Das ist eine extrem dogmatische Position. Entscheidend ist – das ist nun mal einer der Fortschritte in der Journalismusforschung –, dass ein funktionaler Journalismusbegriff entwickelt wurde und kein normativer. Ein funktionaler Journalismusbegriff würde natürlich auch Standards aufstellen, er würde diese jedoch aus der publizistischen Grundfunktion herleiten. Diese normative Art, die Sie dargestellt haben, wird dem Phänomen nicht gerecht.

Ihre Position zum Nutzwert der Weblogs wirkt sehr ausgewogen, ohne wirklich konkret zu sein. Ist es für jemanden, der an einer Universität lehrt, nicht notwendig, klarer Position zu beziehen?

Ich finde meine Position sehr konkret, da sie nicht abstrakt hergeleitet ist, sondern von den kommunikativen Sachverhalten ausgeht. Ich versuche, den Leuten zu sagen: „Guckt erst einmal hin, bevor ihr eure Urteile fällt.“ Denn: Die Verantwortung dafür, ob ich gut oder schlecht informiert bin, liegt heute angesichts der Vielfalt der Angebote viel stärker beim Einzelnen. Den Ruf nach Steuerungsinstanzen, die uns helfen, uns in diesem unglaublichen Dschungel von Information zurechtzufinden, halte ich für extrem naiv. Realistischer ist es, die Kompetenz derer zu stärken, die mit dieser Informationsflut umgehen müssen.

Wie kann man diese Kompetenzen stärken? Früher waren es die Journalisten, die für die Leser die Rolle des Gatekeepers übernommen haben. Welche Funktion hat der Online-Journalist von heute?

Medienpädagogik nach dem Muster Zeitung in der Schule ist wichtig, greift aber in einer crossmedialen Welt zu kurz. Medienkompetenz wird heute noch zu sehr monomedial definiert. Aber auch der Journalismus kann zur Kompetenzenerweiterung der Rezipienten beitragen: Wir haben eine Medienberichterstattung, wir haben eine Kulturberichterstattung, wir haben eine Wirtschaftsberichterstattung, aber wir haben keine ernst zu nehmende Internetberichterstattung. Diese Aufgabe hätten sich Journalisten eigentlich schon längst stellen müssen. In Einzelfällen ist das durchaus schon umgesetzt, aber die klassischen Medien begreifen das Thema noch nicht in seiner Tragweite. Die wenigen versprengten Beiträge in den Tagesthemen oder im Heute Journal, in denen es dann um Wikis und Tsunami-Blogs geht, sind an einer Hand abzuzählen. Von daher sollte der Journalist von heute zum Tour Guide werden, der Reiseempfehlungen ausspricht, wie sich Menschen in dem vielfältigen Universum von Information zurechtfinden können.



Professor Dr. Hans-Jürgen Bucher, Jahrgang 1953, lehrt am Institut für Medienwissenschaft der Universität Trier. Einer der Schwerpunkte seiner Arbeit ist die Internet-Forschung, u.a. beschäftigt er sich mit der Kriegs- und Krisenkommunikation im Netz.



Das Interview führte Hanne Detel, 22. Sie studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft sowie Osteuropastudien und Rechtswissenschaft. Nach dem Gespräch mit Hans-Jürgen Bucher weiß sie mehr über die Bedeutung des Internets als Ort der Perspektivenerweiterung.