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//An der Gutenberg-Grenze Siegfried Weischenberg im Gespräch mit Sugárka Sielaff
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„So wie Gutenberg in der Kultur des Schreibens verhaftet war, sind wir in der Kultur der Printmedien verhaftet. Was die neue Technik wirklich zu bieten hat, werden erst die herausfinden, die mit ihr sozialisiert wurden.“

Siegfried Weischenberg

Siegfried Weischenberg über mediale Spätzündungen, das Schmoren im eigenen Saft und die Glaubwürdigkeit als Wucherpfund

Herr Weischenberg, wer im Internet nach Nazipropaganda, Kinderpornos oder anderen menschenverachtenden Inhalten sucht, wird sie auch finden. Ist so etwas wie Online-Ethik überhaupt durchsetzbar?

Siegfried Weischenberg: Wenn Sie die Frage so formulieren, fragen Sie nicht nach ethischen Standards, sondern nach rechtlichen Beschränkungen. Im Internet kann man die natürlich kaum durchsetzen, weil wir es hier mit grenzenloser und wenig greifbarer Kommunikation zu tun haben. Das ist der riesige qualitative Unterschied zu Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Eine Menge Idealisten haben gedacht, mit dem Internet könne man einen neuen Horizont der freien Information aufspannen und jetzt lernen wir, dass im Internet auch alles das wirksam wird, was auch sonst auf der Welt Probleme bereitet. Nun bewegen wir uns, wenn wir von Ethik sprechen, ja von vornherein in einem weicheren Bereich, denn Ethik bedeutet immer nur, dass ich eine Art von Diskurs führe über Standards, an die sich die Produzenten und das Publikum halten können. Ich habe durchaus den Eindruck, dass über Probleme von Pornografie, speziell von Kinderpornografie, oder auch über Gewaltverherrlichung im Netz ein gesellschaftlicher Diskurs geführt wird. Es ist im Internet aber eben sehr viel schwieriger geworden, wirklich durchgreifend tätig werden zu können.

Welche Möglichkeiten der Einwirkung gibt es überhaupt?

Das Netz ist beides, einerseits eine fantastische Geschichte und andererseits ganz schrecklich. Ich glaube, dass die Fähigkeit, Medien sinnvoll zu nutzen, die Schlüsselqualifikation der Zukunft wird. Diese Kernkompetenz müsste unseren Kindern schon heute in den Schulen vermittelt werden. Leider wird darüber noch viel zu wenig nachgedacht.

Macht die Notwendigkeit, sich im Datenuniversum des Internets zu orientieren, auch den Erfolg von Google aus?


Sicher, was aber nicht bedeutet, dass man bei Google mal eben ein paar Wörter eintippt und schon fallen einem die reifen Früchte in den Mund. Man muss Relevanzen richtig einschätzen können. Wo ich mich nicht gut auskenne, erscheint mir zunächst einmal alles gleichgewichtig. Das merke ich auch bei meinen Studenten: Stelle ich fest, dass sie an einem Thema vorbei recherchiert haben, weiß ich relativ schnell: Die haben „gegoogelt“! Der richtige Hinweis oder die Angabe glaubwürdiger Quellen fehlte. Ich glaube, dass Quellenautorität zunehmend eine wichtige Rolle spielen wird: Man wird sich an bestimmten Quellen orientieren, die besonders glaubwürdig und kompetent sind, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Google ist auch eine Autorität, aber eine, die einem dabei nicht weiterhilft.

Und da kommt der Journalismus ins Spiel?

Ja, denn der Vorsprung bereits erworbener Glaubwürdigkeit ist sicherlich ein Pfund, mit dem bestimmte journalistische Medien auch im Netz wuchern können. Nicht umsonst ist die Startseite auf meinem Rechner schon seit längerer Zeit Spiegel Online. Ich verbinde mit dem Spiegel, obwohl er immer mal wieder in der Diskussion ist, eine gewisse Glaubwürdigkeit.

Im letzten Jahr schrieb der Spiegel über das Bloggen, es sei die „tägliche Ration Wahnsinn“. Wird hier ein Leitmedium nervös, weil es diesen Vorsprung an Glaubwürdigkeit gefährdet sieht?


Wenn die Aussage so gemacht wurde, ist sie pauschal und dumm. Unter Weblogs findet man alles mögliche. Oft sind die Verfasser Amateure, die sich des Internets bemächtigen, ihre mehr oder weniger interessanten Geschichten dort hineinstellen und das Netz verstopfen. Es gibt so eine schreiberische Inkontinenz bei manchen Leuten, die können das Wasser nicht halten. Aber daneben gibt es eben auch Weblogger, gerade in Amerika, die eine Ergänzung zu den Mainstream-Medien herstellen und vielleicht auch da Öffentlichkeit herstellen, wo die etablierten Sender oder Verlage aus Bequemlichkeit, Angst, Geschäftstüchtigkeit lieber schweigen. Aber wer glaubt, da sei jetzt eine Volksbewegung unterwegs, die den Journalismus revolutionieren wird, der greift ein bisschen zu sehr in die oberste Schublade. Das ist überzogen. Die Blogger sind eben oft einfach Leute, die schon immer Journalisten werden wollten, denen aber keiner einen Job gibt – und manchmal vielleicht aus wirklich guten Gründen.

Da unterstellen Sie den konventionellen Medien ja eine hohe Professionalität…


Ja, das tue ich auch.

Denen werfen Sie aber gleichzeitig vor, dass dort Journalisten zu oft nur für Journalisten schrieben. An der Wahlberichterstattung 2005 haben Sie kritisiert, Journalisten hätten ihre eigenen Stimmungen mit denen der Bevölkerung verwechselt.


Das galt nicht für alle Journalisten. Aber eine Reihe von Elitemedien hat – jenseits von früheren ideologischen Differenzen – eine Tendenz erzeugt, die ich problematisch fand. Ich finde es immer bedenklich, wenn Vielfalt verloren geht, Journalisten nicht hinreichend neugierig sind und Distanz verlieren. Deswegen verdamme ich unsere Medien aber nicht insgesamt in Bausch und Bogen.

Aber ist diese journalistische Selbstbezüglichkeit nicht ein grundsätzliches Problem?

Wir haben hier ein Gruppenproblem wie bei allen qualifizierten Berufen. Ärzte schmoren in ihrem eigenen Saft. Juristen schmoren im eigenen Saft. Bei Journalisten ist das natürlich besonders gefährlich, weil der neutrale Blick, das Interesse an Wirklichkeit, an Lebensverhältnissen und normalen Menschen verloren geht. Das ist ein klassisches Problem des Journalismus. Ein Versuch, es zu lösen, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk, in dessen Gremien die so genannten gesellschaftlich relevanten Gruppen vertreten sind, die eine Kontrolle ausüben und gewissermaßen die Erdung der Journalisten und ihrer Sendungen sichern sollen. Dieser Versuch ist insgesamt durchaus geglückt. Einen anderen Versuch gab es in den Anfangsjahren der Sowjetunion, wo es neben professionellen Journalisten Bauern- und Arbeiterkorrespondenten gab, die den Kontakt zur Basis herstellen sollten. Dieser Versuch ist bekanntlich gescheitert. Die Kritik, dass zu viele Journalisten studieren würden, taucht ja immer wieder mal auf. Ich glaube aber, dass man einen sozial repräsentativen Querschnitt in der Journalistenausbildung nicht organisieren kann. Und man kann Journalisten auch nicht den Umgang mit ihresgleichen verbieten. Man kann nur ein Problembewusstsein dafür schaffen und immer wieder dafür sorgen, dass Journalismus nach allen Regeln der Kunst betrieben wird, und die Ausbildung hinreichend gut ist. Aus diesem Grund finde ich es wichtig, dass Journalisten an der Universität ausgebildet werden. Ein kommunikationswissenschaftlich ausgebildeter Journalist hat über diese Probleme zumindest einmal nachgedacht.

Online-Medien eröffnen ja durch ihre interaktiven Möglichkeiten die Chance zu einer stärkeren Kontaktaufnahme mit den Lesern. Warum nutzen die Medien diese Chance so wenig?


Damit kann man kein Geld verdienen! Würde sich Interaktivität bezahlt machen, dann würde sich das sehr schnell ändern. Meine Prognose ist allerdings, dass sich das Netz gleichwohl in diese Richtung entwickeln wird. Interaktivität wird kommerziell nutzbar werden und die Zahl multimedialer Angebote wird wachsen. Wir werden erleben, dass journalistische Formen sich auflösen. Über die letzten Jahre lässt sich beobachten, dass die Auflage der Tageszeitungen zurückgeht, langsam zunächst, aber in der Konsequenz womöglich dramatisch, weil jüngere Leute sich in ihrem Medienmix anderen Bereichen zuwenden. Da gibt es jetzt noch bestimmte Mischformen: Die Tageszeitungen reagieren ja beispielsweise mit knappen Formaten für junge Leute, wie Welt kompakt. Solche Versuche können den Trend weg von der Zeitung und hin zum Internet zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten. Um die Möglichkeiten des Internets voll erfassen zu können, bin ich und sind sogar Sie schon zu alt. Gutenberg zum Beispiel erfand den Buchdruck, aber er selbst setzte diese neue Technik nur ein, um geschriebene Bücher zu kopieren. Auch die Gutenberg-Bibel ist eigentlich ein geschriebenes Buch, das drucktechnisch vervielfältigt wurde. Man hat sich zu dem Zeitpunkt gar nicht vorstellen können, dass man mal etwas anderes macht, als das Schreiben zu mechanisieren. Erst hundertfünfzig Jahre nach Gutenberg kommen die Ersten auf die Idee, dass man damit auch Zeitungen herausgeben kann. Die Zeitung ist ein Medienprodukt späterer Jahrhunderte, erst da kommen weiterführende Überlegungen und Entwicklungen zum Tragen, die auf dieser Technik aufbauen, die sich selbst eigentlich gar nicht verändert hatte. So etwas Ähnliches wird auch mit dem Netz passieren. So wie Gutenberg in der Kultur des Schreibens verhaftet war, sind wir in der Kultur der Printmedien verhaftet. Was die neue Technik wirklich zu bieten hat, werden erst die herausfinden, die mit ihr sozialisiert wurden.

Werden Journalisten angesichts der immer unsteter werdenden Beschäftigungsverhältnisse überhaupt noch in der Lage sein, umfassend zu recherchieren und zu informieren?


In unserer Studie Journalismus in Deutschland haben wir herausgefunden, dass der professionelle Journalismus quantitativ an Relevanz verliert. Wir haben im Vergleich zu 1993 ungefähr zehn Prozent weniger Arbeitsplätze. Das führt dazu, dass am Rande des Journalismus Erscheinungen auftreten, die wir bisher nur fallstudienartig beschreiben können. Dazu gehört ein Mix aus Tätigkeiten, der qualitative Probleme aufwirft. Viele behaupten zwar: Ich verdiene mein Geld mit PR, doch im Herzen bin ich Journalist. Aber ich habe so meine Zweifel, ob das funktioniert. Und dann haben wir an der Grenze zum Journalismus viele professionelle Amateure, die zwar einen Presseausweis haben, aber vom Journalismus nicht leben können. Ich fürchte, wir machen einen Fehler, wenn wir uns um diese Probleme nicht hinreichend kümmern, weil unter solchen Bedingungen vielleicht die besten Leute gar nicht mehr in den Beruf hineingehen.




Professor Dr. Siegfried Weischenberg, Jahrgang 1948, ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Der gelernte Journalist wirkte beim Aufbau des ersten integrierten Journalistikstudiengangs an der Pädagogischen Hochschule Ruhr mit und schrieb eine Reihe von Standardwerken zur Journalistik.



Das Gespräch führte Sugárka Sielaff, 27. Sie studiert Germanistik, Finnougristik und Journalistik an der Universität Hamburg. Nach dem Interview mit Siegfried Weischenberg weiß sie mehr über ihre Zukunft als „outgesourcte“ Journalistin und die Notwendigkeit, – den Verhältnissen zum Trotz – kritisch zu bleiben.