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//Dunkle Tiefen Michael Schetsche im Gespräch mit Peter Meyenburg
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„Man muss sich damit abfinden, im Netz auch Inhalte zu finden, die in politischer, religiöser oder in sexueller Hinsicht grenzwertig sein mögen. Wenn jeder alles verbreiten kann, findet sich eben vieles, was anderen nicht passt.“

Michael Schetsche

Michael Schetsche über gebastelte Wirklichkeiten, hysterische Kontrolldiskurse und die Legitimität des Unsinns

Herr Schetsche, was ist glaubwürdiges Wissen?

Michael Schetsche: Glaubwürdiges Wissen wird durch Einordnung in entsprechende Zusammenhänge abgesichert. Dazu gehört erstens der Erscheinungsort der Informationen und zweitens die Angabe der Quelle. Informationen erhalten Glaubwürdigkeit, wenn sie in einen renommierten Kontext eingebettet oder von einer vertrauenswürdigen Person verkündet werden. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Nachrichtensprecher oder eine wissenschaftliche Zeitschrift. Diese legitimierenden Instanzen gibt es im Internet meistens nicht. Unzählige Seiten kann man als Nutzer nicht einordnen. Oft weiß man nicht, wer dahintersteht oder woher der Inhalt kommt. Derartigem Wissen können Sie dann nur zustimmen, wenn es sich an ihre bisherigen Grundüberzeugungen anschließen lässt und die Argumentation Sie überzeugt. Eine unumstößliche Glaubwürdigkeit von Informationen werden wir in Zukunft wahrscheinlich immer seltener haben.

Das Ende der Eindeutigkeiten?


Ja, das Wissen wird viel widersprüchlicher. Während man früher nur eine Quelle zu Rate gezogen hat, schaut man sich heute zehn Websites an, auf denen wahrscheinlich widersprüchliche Informationen stehen. Aus den unterschiedlichen Interpretationen von Wirklichkeit muss ich mir als Nutzer meine eigene Wirklichkeit basteln.

Diese Basteleien nennen Sie „ergoogelte Wirklichkeiten“. Welche Rolle spielen die Suchmaschinen?

Aus repräsentativen Untersuchungen wissen wir, dass ein Großteil der Erschließung des Netzes über Suchmaschinen wie beispielsweise Google erfolgt. Daher sind Suchmaschinen Wirklichkeitsmaschinen. Denn man geht nur den Treffern nach, die an gute Positionen rücken. Das sind in etwa die ersten beiden Ergebnisseiten. Das heißt aber nicht, dass dieses Verfahren legitim ist. Den Nutzern ist schon klar, dass es noch andere Kriterien gibt als die Platzierung bei Google, deren Funktionsweise geheim gehalten wird. Die monopolähnliche Position dieser Suchmaschine ist sicherlich ein Problem. Aber es gibt auch noch andere, kleinere Suchmaschinen, die ähnlich funktionieren. Es werden immer Seiten ausgespuckt, die den Rahmen und damit auch die Lesarten bestimmen, in dem wir uns gedanklich überhaupt bewegen können. Daher haben Suchmaschinen eine ganz wesentliche Funktion, was die Aneignung von Wirklichkeit angeht. Oft hält man als Nutzer die Millionen von Ergebnissen zu bestimmten Suchbegriffen für die Gesamtheit der verfügbaren Informationen zu diesem Thema überhaupt. Das ist mitnichten so. Niemand weiß genau, wie viele Seiten das Netz insgesamt umfasst. Daher kann das World Wide Web immer nur zu einem Bruchteil erschlossen werden. Es gibt also eine dunkle Tiefe des Netzes. Im Idealfall – nehmen wir an, Sie benutzen eine optimale Suchmaschine – können Sie lediglich 50 Prozent der Seiten des Netzes durchsuchen. Aber dann haben Sie die für Sie relevanten Seiten noch nicht herausgefiltert. Das ist technisch im Moment nicht zu ändern. Der entscheidende Punkt ist, dass das Internet nur über die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert. Aufmerksamkeit ist also die zentrale und einzig knappe Ressource im Netz. Daher ist es so entscheidend, welche Seiten auf den vorderen Plätzen gelistet werden.

Also hat sich die Knappheit der Kanäle, wie wir sie bis Ende der 90er Jahre von anderen Medien kannten, heute im Netz zu einer Knappheit der Aufmerksamkeit und der Zeit gewandelt?


Genau. Und indem sie durch die Rankings der Homepages die Positionierung der Links steuern, haben die Suchmaschinen eine gewaltige Macht. 80 bis 90 Prozent aller Nutzer von Suchmaschinen benutzen Google. Das bedeutet, dass Google einen sehr großen Einfluss auf das hat, was Menschen als wirklichkeitskonstruierend wahrnehmen.

Können die Nutzer das durchschauen? Oder sehen sie die ersten Suchergebnisse als gottgegebene Wahrheit, so dass sie auf jede weitere Prüfung verzichten?

Studien zeigen in der Tat, dass nur den ersten 20 bis 30 Treffern Beachtung geschenkt wird. Meines Wissens gibt es keine validen Untersuchungen, die die Motive oder Einschätzungen der Suchergebnisse durch den Nutzer prüfen. Man sollte die Nutzer aber nicht für naiv halten. Ihr Verhalten hat weniger etwas mit der Relevanz der Treffer als mit pragmatischen Gründen zu tun. Es ist schlicht eine Frage der Effektivität und der Durchführbarkeit. Fünf unterschiedliche Interpretationen zu einem Thema lassen sich noch ungefähr im Kopf miteinander vergleichen. Bei 20 ist das nicht mehr möglich.

Nehmen wir einmal als Beispiel Mathias Bröckers: Der betreibt ein Weblog, in dem es um den elften September geht. Darin formuliert er Verschwörungstheorien, die er sich „ergoogelt“ hat. Kritiker halten diese Theorien für haarsträubend, Befürworter bauen sie immer noch weiter aus. Warum entstehen derartige Theorien? Gibt es ein Bedürfnis, an so etwas zu glauben?


Bröckers will eigentlich keine Verschwörungstheorien entwickeln, sondern auf Probleme und Widersprüchlichkeiten der offiziellen Darstellung dieser Ereignisse hinweisen. Ganz unabhängig vom Wahrheitsgehalt liefert er Lesarten, die von der offiziellen Darstellung der Ereignisse abweichen. Als Wissenssoziologe stelle ich fest, dass derartige Theorien immer mehr zunehmen, seitdem es das Netz gibt. Das hängt mit der einfachen Möglichkeit des Veröffentlichens im Internet zusammen. Weitere Gründe liegen im allgemeinen Misstrauen gegen Regierungshandeln und in der Komplexität unserer heutigen Welt, die von solchen Theorien auf eine nachvollziehbare Weise vereinfacht wird. Dazu gehört auch die simple Einteilung der Welt in Opfer und Täter. Außerdem ist das Netz so konzipiert, dass sich häufig keine klare Grenze zwischen Fakt und Fiktion ziehen lässt.

Herrscht im Netz also eine konstruktivistische Perspektive?


Der Konstruktivismus ist heute über das Netz in der Lebenswelt angekommen. Die Menschen wissen, dass es zu jedem beliebigen Thema unterschiedliche Erklärungen und Modelle gibt. Es stellt sich also die Frage nach der Binnenlogik der dargestellten Modelle und deren Anschlussfähigkeit an bestehende Überzeugungen. Aktualität spielt auch eine Rolle. Wie gesagt, als Netz-Nutzer muss ich mir meine eigene Wirklichkeit basteln. Im Grunde können wir uns gar nicht mehr um eine absolute Wahrheit streiten.

Trotzdem stellt sich die Frage nach publizistischer Verantwortung. Nicht zuletzt ist der hohe Neuigkeitswert des Netzes auf das Motto „Erst veröffentlichen, dann prüfen“ zurückzuführen. Was halten Sie von Kontrollinstanzen im Internet?

Die Frage nach Kontrollinstanzen ist brisant. In Deutschland gab es bislang noch keinen ernsthaften Versuch einer großflächigen und systematischen Kontrolle. Das liegt daran, dass politische und juristische Instanzen das Netz bisher in seiner Funktionslogik noch nicht verstanden haben. Seit jeher gab der Staat den Bürgern die Grenzen vor und regulierte ihre Rechte – insbesondere in Bezug auf die veröffentlichte Meinung. Heute brechen plötzlich die bisherigen Möglichkeiten der Kontrolle und der Zensur zusammen. Das ist für staatliche Instanzen, die daran ein Interesse haben, ein Worst-Case-Szenario. Für autoritäre Regime wie beispielsweise China oder den Iran ist das Netz ein Horror. Jeder kann im Netz seine Botschaften platzieren. Die frühere Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument ist heute überholt. Allerdings darf man nicht erwarten, dass diese Veröffentlichungen bisherigen und bekannten Standards gehorchen. Das kann und soll auch gar nicht der Fall sein. Die entscheidende Veränderung ist die Neuentstehung einer Kultur des aktiven Umgangs mit Medien. So etwas kann und darf in einer demokratischen Gesellschaft nicht kontrolliert werden. Auch wenn manchmal die Peinlichkeitsschwelle erreicht wird und das Netz mit Banalitäten des Alltags kontaminiert wird. Man muss ertragen, dass man im Internet jeden Sinn aber auch jeden Unsinn verbreiten und lesen kann.

Also appellieren Sie an die Kompetenz der Nutzer?

Ja. Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, Leuten etwa zu verbieten, eine Website zu erstellen, nur weil sie noch keinen Ethik-Kurs belegt haben. Man muss sich damit abfinden, im Netz auch Inhalte zu finden, die in politischer, religiöser oder in sexueller Hinsicht grenzwertig sein mögen. Kontrolldiskurse, gerade von staatlichen Akteuren, halte ich für panisch und hysterisch. Wenn jeder alles verbreiten kann, findet sich eben vieles, was anderen nicht passt. Problematisch ist tatsächlich, dass vielen Nutzern die Medienkompetenz fehlt, um zu erkennen, welche Interessen hinter den Seiten stehen. Oft geht es ja auch um Abzockerei, sodass Nutzer leicht legalen und illegalen Täuschungsmanövern zum Opfer fallen. Aber Betrüger lassen sich auch durch Kontrollen nicht völlig ausschließen. Dem widerspricht die Netztechnologie. Stattdessen ist die Fähigkeit des Nutzers, Interessenszusammenhänge zu erkennen, gefragt. Berichtet da ein Züchter südostasiatischer Zierfische über sein Hobby, oder will mich jemand illegal um mein Geld bringen?

Welche Erwartungen haben Sie an die Zukunft des Netzes?


Die Konflikte um die Frage nach Zensur werden sich weiter verschärfen. Wenn die Politik erkennt, was für ein mächtiges Medium mit dem Internet heranwächst, wird es rechtspolitische Auseinandersetzungen darüber geben. Schließlich gibt es eine Menge Interessenverbände, die sich eine Reglementierung oder eine Ökonomisierung des Netzes wünschen. Währenddessen wird im Alltag der Umgang mit dem Netz noch selbstverständlicher werden als heute schon. Wir werden uns auf mobile Kommunikatoren umstellen, sodass wir jederzeit und überall ins Netz gehen können. Aber wir müssen uns klarmachen, dass diese ständige Erreichbarkeit auch ein Fluch sein kann. Letztlich ist es nicht erstrebenswert, in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder jederzeit mit anderen kommunizieren muss. Wir müssen uns auch in Zukunft ein Recht auf Kommunikationsverweigerung erhalten.



Dr. Michael Schetsche, Jahrgang 1956, Politologe und Soziologe, ist Abteilungsleiter am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg und Privatdozent am Institut für Soziologie der Universität Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Wissens- und Mediensoziologie, der Analyse sozialer Probleme und Anomalien und der qualitativen Prognostik und Futurologie. Aktuelle Veröffentlichung: Die Google-Gesellschaft. Vom digitialen Wandel des Wissens (http://www.google-gesellschaft.de).



Das Gespräch führte Peter Meyenburg, 26. Er studiert Französisch, Journalistik und Italienisch. Nach dem Interview mit Michael Schetsche weiß er, dass Olli Dittrich alias „Dittsche“ ein Paradebeispiel für einen Verschwörungstheoretiker und ein wahrer Meister im Basteln von Wirklichkeiten ist.