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//Im Spinnennetz Florian Rötzer im Gespräch mit Meike Büscher
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„Mir reicht es, wenn ich acht, zehn Stunden vor dem Computer sitze, dann habe ich ja den ganzen Nachrichtenfluss. Die Zeitung ist immer zu spät fertig, denn dann kenne ich das alles schon.“

Florian Rötzer

Florian Rötzer über Sitz- und Tragemedien, geistige Eigentumsdiktatur und die Abriss-Nachrichten von morgen

Herr Rötzer, in einem Internet-Ranking der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der hundert wichtigsten deutschen Intellektuellen erscheinen Sie auf Platz 13. Warum hält man Sie für so bedeutend? Was macht Wichtigkeit im Netz aus?

Florian Rötzer: Ich denke, das ist eher eine Folge davon, dass ich permanent im Internet publiziere und daher dort auch sehr viele Artikel stehen habe, mehr jedenfalls als jemand, der im Internet nicht aktiv ist. Die Trefferhäufigkeit spiegelt natürlich die Nutzungshäufigkeit im Netz wider. Was die Bedeutung angeht: Sie ist schwierig zu erfassen. Ist Bild bedeutsamer als die Süddeutsche, der Spiegel, der Focus? Da fangen die Probleme an, wie man das einordnen soll. Es geht ja nicht nur nach Häufigkeit oder Statistik.

Sie sind, auch ohne dass es irgendwelche Rankings zeigen müssen, einer der bekanntesten Online-Journalisten. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der eines klassischen Journalisten?


Ich glaube, es macht keinen großen Unterschied mehr, ob man für eine Zeitung schreibt oder für ein Online-Magazin. Vor zehn Jahren war das sicherlich noch anders. Nur müssen diejenigen, die für Online-Publikationen arbeiten, natürlich sehr viel schneller arbeiten, weil die Konkurrenz einem zeitlich mehr im Nacken sitzt. Das Internet fließt den ganzen Tag, sieben Tage die Woche. Bei Zeitschriften, Hörfunk oder beim Fernsehen ist das anders, weil es dort bestimmte Termine gibt, an denen etwas veröffentlicht wird. Der Internet-Journalismus ist aber permanent erreichbar. Das ist ein Vorteil, denn man schreibt so weniger ins Leere hinein, sondern weiß auch, wie die Öffentlichkeit auf bestimmte Darstellungen reagiert. Man sitzt sozusagen in einem Dauerfeuer der Öffentlichkeit.

Wegen des beschleunigten Informationsflusses müssen ständig Neuigkeiten geliefert werden, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Gerne wird da voneinander abgeschrieben oder kurz mit ein, zwei Stichworten gegoogelt. Läuft der Journalismus Gefahr, Qualität einzubüßen?


Ja, da besteht natürlich schon die Gefahr, dass, wenn eine Story aufkommt, nicht mehr lange überlegt und weniger recherchiert wird. Schnelligkeit ist aber auch ein Teil der Informationspflicht, der Medien nachkommen müssen. Es ist also eine Balance, die jedes Medium selbst halten muss. Und da wird ein bisschen geknapst, denn Recherche ist natürlich teurer und aufwändiger.

Blogs, also Onlinetagebücher, und Open-Source-Journalismus, so genannter „Jedermann-Journalismus“, wollen mangelnder Informationsvielfalt entgegentreten. Sie sind zwar unabhängig – sind sie damit aber auch glaubwürdig?

Auch andere Medien mussten sich erst Vertrauen schaffen, indem sie über eine bestimmte Zeit hinweg publiziert haben. Neue Medien brauchen natürlich eine solche Anfangszeit, bis sie ihr Publikum finden und dieses Vertrauen schaffen können. Blogs und Ähnliches sehe ich im Wesentlichen als Ergänzung zum professionellen Journalismus. Ich empfinde das als eine gigantische Belebung der Szene.

Obwohl sie miteinander konkurrieren?


Nein, das wird falsch aufgebauscht. Die Blogs leben von den professionell erstellten Inhalten. Und die Journalisten können von den Blogs inspiriert werden oder auf neue Spuren kommen. Ich sehe das als wechselseitige Ergänzung. Was natürlich auch von großem Vorteil ist, weil die professionellen Medien über die Blogs oder über das Internet sehr viel besser kritisierbar sind. Früher hat man die Leserzuschriften gehabt, oder das eine Medium konnte das andere kritisieren. Aber jetzt kann die Internet-Nutzerwelt, ob es jetzt die Blogger sind oder andere, von außen her alle Medien kritisch begleiten. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass mit den Blogs eine neue Öffentlichkeitsinstanz hinzugekommen ist. Das kann dem Journalismus nur nützen, weil er seines Monopols beraubt wird.

Erfüllen Websites und Blogs nicht vor allem das Verlangen nach Selbstdarstellung?


Es kommt immer darauf an, wie man das bewertet. Ich meine, Bloggen oder früher das Erstellen von Homepages ist schon eine Art Veröffentlichung. Es ist auch ein Teil dessen, was man eine interaktive Kultur nennen würde: Dass man nicht nur passiv, sondern auch aktiv am Geschehen beteiligt sein will. Das betrifft auch verstärkt die klassischen Medien, zum Beispiel dass jetzt vermehrt Studiogäste eingeladen werden. Diese Interaktivierung der Medien und die höhere Partizipation der Menschen ist ein deutlich ablesbarer Trend. Den halte ich – auch mit den Auswüchsen, die vorhanden sind – für eine ganz wichtige Sache, die für eine größere und dynamischere Öffentlichkeit sorgen kann als die, die wir bislang mit den traditionellen Medien haben können. Durch die Möglichkeit, dass jeder im Internet publizieren kann, wird das Spektrum der Meinungsfreiheit erweitert. Das, was früher sozusagen am Stammtisch besprochen wurde, ist dadurch heute auch in der Öffentlichkeit präsent. Das macht das Spannende an diesem Medium aus.

Die Kommerzialisierung des Internets nimmt immer weiter zu, die Freiheit bleibt durch die Zensur und Kontrolle in einigen Ländern eingeschränkt. Zerplatzen damit nicht die einstigen Visionen eines freien Internets?

Das ist eine schwierige Frage. Tatsächlich bietet das Internet einerseits die Möglichkeit, frei zu publizieren und seine Meinung kundzutun. Auf der anderen Seite ist es eine Art Spinnennetz, weil nämlich alles sofort bemerkt und verfolgt werden kann. Das betrifft nicht nur die politische Freiheit, also nicht zensiert zu werden, sondern auch die Freiheit, dass Informationen nicht nur denen zur Verfügung stehen, die dafür bezahlen können. Bislang konnte man beides, sowohl den Bereich des geistigen Eigentums als auch den Bereich der Zensur, immer noch einigermaßen umgehen. Wie das in Zukunft noch möglich sein wird, ist natürlich die große Frage. Wenn man jetzt an das Digital-Rights-Management denkt, das sich durchsetzen soll, dann ist es nicht nur ein Schutz des geistigen Eigentums von Autoren, sondern gleichzeitig auch die Möglichkeit, die Meinungsvielfalt besser zu kontrollieren. Die Ambivalenz steckt einfach in diesem Medium drin. Die autoritären Regime versuchen, die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken. Die marktwirtschaftlich organisierten Systeme versuchen eher, das geistige Eigentum zu schützen, wobei beides auf dasselbe hinauslaufen kann.

Sie prognostizierten vor ein paar Jahren, dass Zeitungen noch einzig deshalb weiterleben würden, weil man sie problemlos mit sich herumtragen kann. Heute sind die traditionellen Printmedien aber immer noch die Meinungsmedien. War der Abgesang zu früh?

Dort, wo es um aktuelle Nachrichten geht, werden die Online-Newsseiten immer mehr dominieren. Das geht natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Aber ich denke, dass es langfristig der Fall sein wird. Auch die lokalen Nachrichten werden immer mehr im Internet stattfinden. Da werden sich die Zeitungen schon anders orientieren müssen, ein bisschen vielleicht wie die Wochenmagazine. Diese Verschiebung deutet sich schon jetzt dadurch an, dass der Anzeigenmarkt noch weiter absinkt und sich hinüber in den Online-Bereich verlagert. Was auf der Hand liegt, ist, dass die mobilen Medien sehr viel stärker an Bedeutung gewinnen, dass das Sitzmedium Computer nicht unbedingt das ist, was uns auf Dauer begleiten wird. Da ist viel in Bewegung.

Dann wären ja Handys die eigentliche Konkurrenz zur Zeitung.


Ja klar. PDAs oder Handys haben einen Bildschirm, mit dem man Nachrichten lesen, Anzeigen suchen oder Werbung lokalisieren kann. Das wird die Printmedien noch mal stärker beeinflussen, während die Online-Medien größere Möglichkeiten haben werden, Schritt zu halten. Wobei man sagen muss: Je kleiner die Bildschirme sind, desto eher muss sich auch die Art der Nachrichten ändern, hin zu eher kurzen Abrissen.

Viele Online-Leser überfordert man durch die zahlreichen Verlinkungen, die dazu einladen, von Artikel zu Artikel zu springen und keinen zu Ende zu lesen. Ist der Mensch in seinem Denken nicht eher an lineare Muster gebunden?


Die Links sind nur Angebote für den Leser, um weitersuchen zu können, Hintergrundinformationen zu erhalten oder die Quellen zu erschließen. Das halte ich auch für bitter notwendig, denn die meisten Medien legen immer noch nicht ihre Quellen offen und pflegen damit sozusagen ihren alten Geheimjournalismus. Das ist völlig absurd, man will ja sehen, woher die Informationen kommen: Nämlich meistens aus üblichen Nachrichtenagenturen oder Ähnlichem. Das ist von daher ein kleines Versteckspiel. Ich denke, Links überfordern die Leser nicht; wer nicht auf sie einsteigen will, der kann den Text auch weiterhin linear lesen.

Und wie informieren Sie sich? Bevorzugen Sie eine druckfrische Zeitung am Frühstückstisch, oder setzen Sie sich mit ihrem Kaffee an den Computer?


Ich bin kein Zeitungsleser mehr. Mir reicht es, wenn ich acht, zehn Stunden vor dem Computer sitze, dann habe ich ja den ganzen Nachrichtenfluss. Die Zeitung ist immer zu spät fertig, denn dann kenne ich das alles schon.

Drucken Sie eigentlich ihre Texte aus, wenn Sie etwas im Internet recherchiert haben?

Nein, meistens nicht. Es ist natürlich eine gewisse Umstellung des Arbeitens und Lesens. Man übersieht gerne Fehler, die im gedruckten Zustand etwas leichter zu sehen sind, und man hat weniger Überblick über Texte, wenn sie länger sind. Aber das ist eine Gewohnheitssache, die man sich aneignen kann. Ich glaube, das beginnt jetzt bei den jüngeren Menschen: Die sind gar nicht mehr darauf angewiesen, dass es gedruckt sein muss.



Florian Rötzer, Jahrgang 1953, ist Chefredakteur und Mitgründer des Online-Magazins Telepolis. Er hat zahlreiche Bücher zur Medientheorie und zum Thema Internet veröffentlicht.



Das Gespräch führte Meike Büscher, 23. Sie studiert Soziologie, Journalistik und Betriebswirtschaft. Nach dem Interview mit Florian Rötzer weiß sie mehr über den Nutzen von Stammtischen und den Geheimjournalismus der alten Medien.