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//Rufe im lauten Ozean Goedart Palm im Gespräch mit Hanna Haag
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„Ich habe den Eindruck, dass Menschen häufig mit technischen Möglichkeiten dastehen, die in ihren Händen nur leere und inhaltslose Instrumente sind.“

Goedart Palm

Goedart Palm über Informationskriege, das geräuschvolle Treiben im Meinungsmeer und den aufgeklärten Homunkulus

Herr Palm, wenn man Ihren Prophezeiungen glaubt, befinden wir uns auf dem besten Weg in einen weltumspannenden Informationskrieg, in dem Journalisten die Rolle der Soldaten einnehmen oder selbst zur Waffe werden. Das erinnert ein wenig an jene Verschwörungstheorien, die nach dem 11. September in der Gerüchteküche der Bush-Kritiker brodelten.

Goedart Palm: Zugegeben, dieser Begriff wurde in den vergangenen Jahren etwas überbewertet. Man hatte geglaubt, es handle sich hierbei um ein neues Paradigma. Die Befürchtung, ein Informationskrieg könne ganze Zivilgesellschaften zu Fall bringen und deren Infrastrukturen zerstören, halte auch ich gegenwärtig für Spekulation. Doch eines ist gerade im Bezug auf die Kriegsszenarien der letzten Jahre noch deutlicher geworden: Medien können als Waffe dienen und werden auch verstärkt als solche eingesetzt. Schon Colin Powell war der Meinung, man habe aus dem zweiten Golfkrieg die Lektion gelernt, dass ein Krieg in den Medien gewonnen werden muss. Dahinter steckt immer noch das Trauma des Vietnamkriegs, von dem viele Amerikaner glauben, dass er wegen der demoralisierenden Fernsehbilder verloren wurde.

Sie befürchten sogar, die von den Journalisten betriebene Desinformation könne das Ende der „abendländischen Vernunftgeschichte“ einläuten. Überschätzen Sie da nicht den Einfluss der Medien?

Nicht unbedingt. Wo setzt die Vernunft noch an, wenn die Medien ihre Aufklärungsfunktion nicht mehr wahrnehmen können, aber keine Wahrheit jenseits der Medien existiert? Insbesondere angesichts der Kriegsberichterstattung, die Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge zu einer undurchdringlichen Einheit verschmelzen lässt, erweist sich die Vorstellung eines „Informationshomunkulus“ als endgültig überholt, also diese Fiktion des mündigen Bürgers aus der Retorte der Aufklärung, der eine rationale Entscheidung für oder gegen eine politische Position trifft. Denn in unseren weitgehend diffusen Informationsmilieus, in denen tausende widersprüchlicher Medienquellen sprudeln, bleiben die entscheidenden Fragen permanent offen. Das ist für das journalistische Geschäft verheerend. Medien büßen ihre Position als Gegenmacht ein, sie können nicht mehr als demokratische „Wachhunde“ zubeißen.

Da schlägt dann wohl die große Stunde des Internets mit seiner demokratischen Struktur?


Ich leugne nicht, dass sich im Netz ein Strukturwandel der Öffentlichkeit vollzieht, der einen Demokratiegewinn besitzt. Im Gegensatz zu früher, als das einzelne Mediensubjekt der Macht einiger weniger Mediengurus hilflos ausgeliefert war, finden wir heute im Internet so etwas wie Meinungsvielfalt. Nur, und das ist der springende Punkt, wenn viele Meinungen endlos aufeinander prallen, ist noch lange nicht auf eine Wahrheit zu hoffen.

Können Sie diese Netzöffentlichkeit noch genauer beschreiben?


Darauf kann ich Ihnen vielleicht in ein paar Jahren eine bessere Antwort geben. Denn der Versuch, das Internet mit klassischen Mustern der Öffentlichkeit zu definieren, führt in Beschreibungsnöte. Das Netz weist eine Struktur auf, in der bekannte Parameter wie Macht und Ohnmacht nur noch bedingt greifen. Auf der einen Seite besteht zwar nach wie vor klassische Medienmacht, AOL Time Warner und Co. sind längst noch präsent. Andererseits kann es aber auch sein, dass ein Einzelner, der ein intelligentes Weblog schreibt, eine enorme Meinungsmacht erlangt.

Ist Bloggen also mehr als exhibitionistische Selbstverliebtheit?


Im Zusammenhang mit dem letzten Irakkrieg tauchten Erscheinungen am Horizont der Kriegsberichterstattung auf, die durchaus interessant sind. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass viele Blogger in ihren Netztagebüchern Privates in die Öffentlichkeit tragen und oft nicht über den Gehalt eines elektronischen Stammtisches hinauskommen.

Dann dürfte ich Ihre Internetseite aber auch nicht wirklich ernst nehmen. Denn da erfahre ich, dass Sie in Ihrer Kindheit eine Vorliebe für Comics hatten, Elastolin-Figuren sammelten und bei Tante Erika in der Bastelstube waren.


Sicher, das sind diese „schrecklichen Prägungen“, die uns eine Zeit lang verfolgen, und von denen wir uns gerne lösen wollen. Aber ich glaube, dass auf meiner Seite mehr passiert als virtueller Kaffeeklatsch. Meine Recherche hat zwar durchaus privaten Charakter. Andererseits schreibe ich aber auch viele Texte, die einen anderen Anspruch erfüllen. Das ist ja gerade das Spannende am Netz: Es gibt unendlich weite Spielräume, und dieser Wechsel zwischen den Formaten kann auch für die journalistische Tätigkeit sehr anregend sein.

Dieses Spiel erschwert es dem Leser aber auch, die Trennung zwischen den einzelnen Formaten nachzuvollziehen.


Ja natürlich, die feinen Unterschiede gehen mitunter verloren. Ich kann in virtuellen Sphären nicht mehr so ohne weiteres sagen, ob es sich um eine Glosse, einen Kommentar, um Wahrheit, Information oder Manipulation handelt.

Wenn Formate und Darstellungsformen an Bedeutung verlieren und Journalisten ohnehin von Gleichschaltung und Manipulation bedroht werden, sind Blogger da nicht die besseren Journalisten?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Gewiss, ein gut positionierter Beobachter sieht Bagdad unter Umständen so, wie es brennt, und nicht so, wie es amerikanische Medien vor den Augen der Zuschauer verbrennen lassen. Das ist natürlich ein enormer Vorteil gegenüber klassischem Journalismus, da stimme ich Ihnen zu. Die Frage bleibt nur, wie weit reicht diese Medienmacht?

Immerhin müssen Journalisten häufig Informationen von Bloggern aufgreifen. Wird dadurch die Macht des klassischen Journalismus nicht untergraben?


In gewisser Weise schon. Durch die technischen Entwicklungen haben sich die Möglichkeiten, Botschaften zu senden, fundamental erweitert, sodass man von einer gewaltigen Macht der Weblogger sprechen könnte. Nur hängt diese Macht davon ab, ob es sich um bloße Meinungen handelt, oder ob da wirklich jemand Missstände aufdeckt. Außerdem habe ich als Blogger immer das Problem, wahrgenommen zu werden. In einer Informationsgesellschaft, in der es unzählige Kommunikatoren gibt, ist es zwar leicht zu senden, doch wen erreiche ich mit meiner Botschaft? Ich habe den Eindruck, dass sich immer neue Unteröffentlichkeiten im Netz herausbilden, die voneinander abgekoppelt sind.

Aber lassen sich diese Unteröffentlichkeiten nicht zum Beispiel durch Interaktionsformen wie Netz-Sit-ins miteinander verbinden, indem eine breite Masse neue Protestformen entwickelt und somit virtuellen Ungehorsam praktiziert?

Ich halte diese Protestformen nicht für besonders effektiv. Im Übrigen handelt es sich auch nur um eine Duplizität der Protest- und Demobewegung seit den 60er Jahren auf technisch versiertere Weise. Neu ist natürlich, dass man sich nicht mehr auf der Straße trifft, sondern im Netz verabredet, um dann etwa durch gleichzeitiges Versenden von E-Mails den Server von Microsoft lahm zu legen. Ob das allerdings unbedingt eine Verbesserung darstellt, ist fraglich, denn auch hier haben wir wieder das Problem der öffentlichen Wahrnehmung. Wenn man früher über den Kurfürstendamm marschierte und „Ho Ho Ho Chi Minh“ skandierte, besaß man die Aufmerksamkeit der gesamten Republik. Im Netz bedarf es hingegen einer großen Anstrengung, bis ein Ereignis über eine kurzatmige Aufmerksamkeit hinaus wahrgenommen wird.

Steckt da vielleicht die Forderung nach einer Verbindung von Altem und Neuem dahinter?


In gewisser Weise ja. Es gibt klassische Kulturtechniken wie das Lesen oder Schreiben, die als Medienkompetenzen gerade im Internet wichtig bleiben. Ich habe den Eindruck, dass viele dieser alten Fertigkeiten nicht mehr in ausreichendem Maße vorhanden sind, sodass Menschen häufig mit technischen Möglichkeiten dastehen, die jedoch in ihren Händen nur leere und inhaltslose Instrumente sind. Deshalb können sie auch keine Medienmacht ausüben. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass ältere Menschen, die das Netz nutzen, nicht das hohe Tempo der Kids entwickeln, dass das Ergebnis ihrer Netzrecherchen jedoch sehr viel weiter reicht. Die Jüngeren sind zwar sehr schnell, jedoch oft nicht in der Lage, Inhalte zu generieren. Das ist der Typus des Überlesers, der zwar alles irgendwo wahrnimmt, letztendlich jedoch wenig daraus gewinnt. Solche Leute sind leichter zu manipulieren und anfälliger, zum Beispiel für Verschwörungstheorien. Wer kein kritisches Instrumentarium hat, der wird Schwierigkeiten haben, in diesem Meer der Meinungen überhaupt noch durchzukommen.

Sie schreiben für das Online-Magazin Telepolis. Sehen Sie sich selbst als Journalist?


Ich definiere mich nicht primär als Journalist und besitze auch kein klassisches journalistisches Selbstverständnis. Insbesondere reagiere ich nicht permanent auf das aktuelle Tagesgeschehen. Mich interessieren schlicht und einfach die Veränderungen der medialen Verhältnisse, was, denke ich, in den entstandenen Texten zum Ausdruck kommt.

Neben Ihrer Tätigkeit bei Telepolis führen Sie in Bonn eine Anwaltskanzlei und im Internet eine Identität als Netzphilosoph. Zudem sind Sie auch noch Mitbegründer und Mitglied der Künstlergruppe „Klärwerk ІІІ“. Diese Vielfalt lässt Sie vor meinen Augen zu einer ungreifbaren Person verschwimmen. Stellen Sie vielleicht eine Art Zukunftsfigur des Cyberspace dar?

Nun ja, mit dem Netz sind völlig neue Handlungsmöglichkeiten entstanden. Heute kann ich mich buchstäblich durch meine verschiedenen Arbeitsbereiche klicken und mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführen. Es ist möglich, im einen Moment juristisch oder journalistisch zu arbeiten, und ein paar Mausklicks weiter eine neue Webseite für die Kanzlei zu erstellen. Das liegt alles sehr dicht beieinander. Im Übrigen finde ich es sehr gut, wenn ich den Eindruck erwecke, nicht greifbar zu sein, denn Virtualität heißt ja auch, sich von der eigenen Identität mitunter erholen zu dürfen.

Wird sich das Phänomen der Gleichzeitigkeit in Zukunft noch verschärfen?


Ich denke, dass es auch hier Gegenbewegungen geben wird, wie das bereits in früheren Gesellschaften der Fall war. Die Verantwortung liegt jedoch beim Einzelnen, der sich entscheiden muss, wie er mit dem neuen Medium Internet umgeht. Das ist ein Feld, das sich ständig verändert. Wer weiß in rasanten Zeiten schon, ob das, was wir hier gerade diskutieren, nicht übermorgen bereits Schnee von gestern ist.



Goedart Palm, Jahrgang 1957, arbeitet als Rechtsanwalt in Bonn und schreibt regelmäßig für die Internet-Zeitschrift Telepolis. Mit Florian Rötzer hat er 2002 das Buch MedienTerrorKrieg – Zum neuen Kriegsparadigma des 21. Jahrhunderts publiziert. Jüngst erschienen ist sein Werk CyberMedienWirklichkeit.



Das Gespräch führte Hanna Haag, 23. Sie studiert Soziologie sowie Journalistik, Politische Wissenschaft und Osteuropastudien. Nach dem Gespräch mit Goedart Palm weiß sie, dass man auch Ungreifbare begreifen kann.